IG BCE aktuell 11-2019 - Standpunkt

Mehr Mut und Innovation für die Zukunft unserer Mitglieder

Mit ihrem kürzlich in Essen zu Ende gegangen Zukunftskongress macht die IG BCE die großen Herausforderungen der Transformation zum zentralen Gestaltungsfeld. Bis zum nächsten Gewerkschaftskongress 2021 werden neue, innovative Ideen und Instrumente für die Gewerkschaftsarbeit entwickelt. Einen ersten Ausblick auf den „Kurs Richtung Zukunft“ gibt der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis schon heute, in unserem Leitartikel.

Markus Feger

Michael Vassiliadis auf dem IG-BCE-Zukunftsforum 2019: "Wir haben weit nach vorn geschaut auf die „Perspektiven 2030+“, haben uns vier unterschiedlichen Zukunftsszenarien gestellt – und gemeinsam überlegt, wie wir die mit ihnen verbundenen Herausforderungen erfolgreich anpacken."

Vor wenigen Tagen ist der IG BCE-Zukunftskongress in Essen zu Ende gegangen. Wir haben weit nach vorn geschaut auf die „Perspektiven 2030+“, haben vier unterschiedlichen Zukunftsszenarien erarbeitet – und gemeinsam überlegt, wie wir die mit ihnen verbundenen Herausforderungen erfolgreich anpacken und gewerkschaftliche Handlungsmacht zukünftig stärken und ausbauen können.

Ich habe viel Nachdenklichkeit gespürt angesichts dessen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Aber auch viel Freude daran, die gewohnten Perspektiven zu erweitern und sich mit neuen Fragestellungen zu beschäftigen.

Es ist gut, dass wir jetzt eine neue Phase der Auseinandersetzung mit der Zukunft starten. Denn die industrielle Transformation markiert zweifellos eine Zeitenwende. Und wir sind schon mittendrin. Ich denke etwa an die politische Auseinandersetzung um die Energiewende. Ich denke auch an die Debatte um die rasant wachsenden Möglichkeiten künstlicher Intelligenz im Betrieb. Themen wie diese sind uns eigentlich schon vertraut. Und doch nimmt die Transformation erst Fahrt auf. Sie wird noch viel mehr Dynamik entfalten. Alles läuft hinaus auf eine fundamentale Veränderung der bislang gewohnten Art zu arbeiten und zu leben.

Darauf müssen wir uns vorbereiten und Einfluss nehmen. Für beides haben wir die Kraft und Agilität. Weil uns Wandel nicht fremd ist, im Gegenteil. Hätten wir nicht schon früher reagiert, sondern es uns im Stillstand bequem gemacht, dann wäre es um unsere Zukunftsperspektiven heute schlecht bestellt.

Wir haben im jetzt abgeschlossenen Zukunftsprozess 2020 hart dafür gearbeitet, unsere Organisation zu stärken und noch professioneller aufzustellen. Wir haben unsere Zusammenarbeit verbessert, unsere Finanzen konsolidiert, unsere Kommunikation modernisiert, wir haben uns weitere inhaltliche Handlungsfelder erschlossen – etwa das Megathema Nachhaltigkeit – und – was am wichtigsten ist  – unsere Arbeit vor Ort und in den Betrieben gestärkt.

Auf diesem soliden Fundament können wir engagiert nach vorn schauen. Auch wenn die Zukunft offen ist und viele mögliche Richtungen einschlagen kann: Klar ist in jedem Fall, dass unsere Mitglieder auch in der nächsten Dekade im Zentrum unseres Handels stehen werden. Denn die wichtigste Quelle für gewerkschaftliche Stärke sind und bleiben die Mitglieder. Handlungskraft und politische Legitimation stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Mitgliederzahl – und mit dem Organisationsgrad in den Betrieben und unseren Branchen. Das wird auch in Zukunft so sein.

Deshalb werden wir die Themen Organisationsentwicklung und Mitgliederansprache noch kraftvoller vorantreiben. Weil wir uns nicht damit abfinden dürfen, wenn wir beispielsweise die wachsende Zahl der hoch qualifizierten Beschäftigten nur unzureichend erreichen. Und weil wir unseren Teil dazu beitragen wollen, dass die Tarifbindung am Standort Deutschland wieder steigt. In beiden Fällen können wir uns nicht mehr mit den bisherigen Antworten darauf begnügen. Das muss konsequenter gedacht und gemacht werden. Wir wollen deshalb unter anderem:

  • Ein Gewerkschaftslabor gründen, um uns künftig mit neuen Angeboten und Anspracheformen intensiver an die wachsende Gruppe der akademisch ausgebildeten Beschäftigten zu wenden.
  • Ein neues tarifpolitisches Programm für die Transformation erarbeiten – und innovative Instrumente durchsetzen, die gute Arbeit auch in einer drastisch veränderten Arbeitswelt sichern. Pflegezusatzversicherung, individuelles Zukunftskonto, und Qualifizierungsoffensive – Kernforderungen der aktuellen Chemie-Tarifrunde – sind erst der Anfang. Sie liefern überzeugende Antworten auf die Kostenexplosion in der Pflege, auf Arbeitsverdichtung und Digitalen Wandel. Die Zukunft wartet mit neuen Problemstellungen auf – denen wir ebenfalls mit hochinnovativen Lösungsinstrumenten begegnen werden. Denn wir wissen: Attraktive Tarifverträge sind nach wie vor das, woran Gewerkschaften von den meisten Beschäftigten gemessen werden.
  • Einen wissenschaftlichen Beirat ins Leben rufen, um uns im rasanten technologischen Wandel Kompetenz an Bord zu holen: Um die Digitalisierung in den Betrieben beschäftigtengerecht mitzugestalten – und um noch konsequenter treibende Kraft bei der Erschließung von Schlüsseltechnolgien zu sein, die maßgeblich über den Erfolg der klimagerechten Transformation unserer Industrien und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands entscheiden werden.
  • Bis zu unserem nächsten Gewerkschaftskongress 2021 ein neues Industriepolitisches Leitbild formulieren, das eine nachhaltige und ökologische, wirtschaftliche und soziale Belange gerecht ausbalancierende Transformation zur Maxime unseres Handelns macht – und zu unserer zentralen Botschaft und Forderung gegenüber Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und allen anderen Kräften, die es zu überzeugen gilt.


Wir werden neue Wege beschreiten – dabei aber keineswegs vergessen, woher wir kommen und wer wir sind: Eine starke Gemeinschaft vieler Kolleginnen und Kollegen aus vielen unterschiedlichen Industriebranchen. Wir sind Einheitsgewerkschaft im besten Sinne des Wortes. Unter unserem Dach ist Platz für die Menschen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit. Uns verbinden unsere gewerkschaftlichen Werte und gegenseitiger Respekt. Das wird, egal, was sie bringen mag, auch in der Zukunft so sein!

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